Volkswagen :Warum die Strategie von VW am Ziel vorbei schiesst

Stellenabbau, mehr Elektroautos und neue digitale Dienste: Eine neue Strategie soll die Probleme bei Volkswagen lösen. Doch auch mit ihr ist der Konzern nur begrenzt zukunftsfĂ€hig – die wahren Probleme liegen woanders.

Dienstag, Schichtwechsel am VW-Werk in Wolfsburg. Die meisten Mitarbeiter trotten langsam durch die Werkstore. Sie haben ihre Aufmerksamkeit auf die blaue Mitarbeiterzeitschrift „Inside“ gelenkt. In der geht es um „unsere neue Strategie“. VW-Markenvorstand Herbert Diess schreibt dort Klartext: „In der aktuellen Verfassung ist unser Unternehmen nicht zukunftsfĂ€hig.“ Die neue Strategie  „Transform 2025+“ solle VW aber an die Spitze zurĂŒckbringen.

„Neue Strategie?“, fragt ein Radler auf dem Parkplatz. „Alles Blödsinn!“, ruft er und strampelt davon. So richtig glauben können die meisten nicht, dass ihre ArbeitsplĂ€tze wie versprochen fĂŒr neun Jahre sicher sein sollen, dass VW auf betriebsbedingte KĂŒndigungen verzichtet.

Jeden Tag, sagt ein junger Mann, wĂŒrden GerĂŒchte durch das  Werk zu hören sein . Mit dem angekĂŒndigten Abbau von weltweit 30.000 ArbeitsplĂ€tzen sei es nicht getan, heißt es dann.

Volkswagen ist in Aufruhr, wieder mal. Und es spricht wenig dafĂŒr, dass sich dieser mit der nun verkĂŒndeten neuen Marschrichtung legen wird. Denn die gravierendsten Probleme des Konzerns sind struktureller Natur, und sie bleiben vorerst ungelöst:

  • Der Wille von Gewerkschaften und Politik ist bei VW weiter so wichtig wie die Interessen der AktionĂ€re.
  • Der riesige Familienclan, der die Mehrheit der Anteile an dem Konzern besitzt, findet nur schwer eine gemeinsame Linie.
  • Den Dieselskandal arbeiten die Verantwortlichen so uneinsichtig auf, dass der Konzern immer neue AngriffsflĂ€chen bietet.

Die GemĂŒdslage  lĂ€sst den Streit in und um den Konzern eskalieren: Der mĂ€chtige Betriebsratschef Bernd Osterloh empört sich ĂŒber GroßaktionĂ€r Wolfgang Porsche, AktionĂ€re attackieren Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch, und Konzernchef Matthias MĂŒller beschimpft seine Kunden, weil die sich öko geben, aber kaum Elektroautos kaufen. Die Nerven liegen blank, es kĂ€mpft jeder gegen jeden.

„VW wird zum WeltmarktfĂŒhrer bei Elektroautos“, verkĂŒndet VW-Markenchef Diess. Doch kann dem angeschlagenen Konzern so ein kostspieliger und schwieriger Sprung in die Zukunft ĂŒberhaupt gelingen?

Große Entscheidungen zu VW mĂŒssten eigentlich acht Autostunden sĂŒdöstlich von Wolfsburg fallen – in Wien, in Salzburg, in Zell am See. Dort wohnen die Familien Porsche und PiĂ«ch, die 52 Prozent an VW halten. Doch sie sind nicht Teil der Lösung der Probleme. Sie sind selbst ein Problem.