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Seat, Lidl und Co. Katalonien droht der wirtschaftliche Exodus

Nicht nur einheimische Konzerne wollen weg aus Katalonien. Auch die Ableger deutscher Unternehmen diskutieren lÀngst NotfallplÀne. Kann der wirtschaftliche Druck die Separatisten stoppen?

Der Konflikt um die nach UnabhĂ€ngigkeit strebende spanische Region Katalonien sorgt fĂŒr einen Exodus von Unternehmen aus der Region: Die grĂ¶ĂŸte Bank, die Caixabank, verlĂ€sst ihre Heimat und zieht nach Valencia. Das teilte das Unternehmen am Abend mit.

Mit 32.400 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von 357 Milliarden Euro ist die Caixabank das grĂ¶ĂŸte Unternehmen, das Katalonien angesichts der Turbulenzen den RĂŒcken kehrt. Einen Tag zuvor hatte bereits die zweitgrĂ¶ĂŸte Bank der Region, die Banco Sabadell, mitgeteilt, aus der Region abzuwandern und ihren Hauptsitz nach Alicante zu verlegen.

Beide Banken fĂŒrchten Rechtsunsicherheit und institutionelle Schwierigkeiten. Sie wollen zudem dem Risiko vorbeugen, dass Kunden und Investoren panisch und in großem Stil Geld abziehen, weil sie fĂŒrchten, dass Katalonien die EU und damit den Euroraum verlassen könnte.

Auch die deutsche Wirtschaft beobachtet die Entwicklungen mit Sorge. Zahlreiche Konzerne haben ihre Spanien-Zentralen in und um Barcelona. Lidl sitzt in Montcada i Reixac, Aldi ein paar Kilometer weiter in El Prat de Llobregat, ebenso Media Markt Saturn. Der Bayer-Konzern hat seinen Sitz wiederum in Sant Joan Despí. Insgesamt sind von den rund 1600 in Spanien aktiven Firmen etwa 800 in Katalonien ansÀssig.

Zwischen den Fronten

Auf offizielle Anfragen nach möglichen wirtschaftlichen Folgen fĂŒr das GeschĂ€ft reagieren die Pressestellen ausweichend. Sie flĂŒchten sich in blumige PlattitĂŒden – verstĂ€ndlich angesichts der unklaren Lage. Der Lebensmitteldiscounter Lidl etwa lĂ€sst wissen, die Firma sehe es „als Hauptaufgabe an, Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen“. Der Medienkonzern Bertelsmann unterstreicht, man sei „generell fĂŒr ein starkes Europa“. Fragen nach Vorkehrungen fĂŒr eine Abspaltung bleiben unbeantwortet.

Dabei diskutieren Manager deutscher Firmen intern durchaus detaillierte NotfallplĂ€ne fĂŒr den Fall, dass Katalonien tatsĂ€chlich den Bruch mit Spanien vollzieht. Nur soll davon möglichst wenig nach außen dringen – schon gar nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Die Firmen mĂŒssen befĂŒrchten, im Konflikt zwischen der Zentralregierung und den Separatisten zwischen die Fronten zu geraten. Die Manager haben Sorge, in der aufgeputschten Stimmung könnte es zu Demonstrationen und Blockaden von Unternehmen kommen, die ihren Umzug verkĂŒnden.

Wie schnell ein Unternehmen von einer Seite im Konflikt fĂŒr sich vereinnahmt werden kann, hat die VW-Tochter Seat erfahren. Am Montag berichtete die rechtskonservative spanische Zeitung ABC mit triumphierenden Unterton, Seat-Arbeiter wĂŒrden sich nicht an dem von Separatisten ausgerufenen Generalstreik beteiligen. Am Freitag dann verkĂŒndete das Blatt, der „Motor der katalanischen Industrie“ habe bereits einen Notfallplan in der Schublade – und peile eine Verlagerung des Hauptsitzes an, von Martorell bei Barcelona nach Madrid. Seat beschĂ€ftigt an drei Produktionsstandorten in Katalonien rund 14.000 Mitarbeiter. Ein Seat-Sprecher wollte den Bericht ĂŒber den Notfallplan auf SPIEGEL-Anfrage nicht kommentieren. Es sei „noch zu frĂŒh, um ĂŒber mögliche Konsequenzen zu sprechen“.

Wohin die Steuern ĂŒberweisen: Nach Barcelona oder Madrid?

Die Firmen – nicht nur die auslĂ€ndischen, auch die katalanischen – treibt die Frage um, ob ein unabhĂ€ngiges Katalonien noch Teil des europĂ€ischen beziehungsweise des spanischen Binnenmarktes bleiben wĂŒrde.

Die wirtschaftliche StĂ€rke der Region macht sie zugleich verwundbar: Katalonien ist abhĂ€ngig vom Außenhandel. Die HĂ€lfte aller katalanischen Lieferungen geht in die anderen EU-Gebiete, insgesamt machen Ausfuhren aus Katalonien ein Viertel der gesamten Exporte Spaniens aus.

Die Separatistenregierung wĂŒrde gern in der EU bleiben – und den Euro behalten. Aus BrĂŒssel kommt aber Gegenwind. Das Referendum sei illegal gewesen, im Falle einer UnabhĂ€ngigkeit mĂŒsste Katalonien erst einen langwierigen Beitrittsprozess absolvieren.

Albert Peters, PrĂ€sident des in Barcelona ansĂ€ssigen Kreises der deutschsprachigen FĂŒhrungskrĂ€fte (KDF), rechnet fĂŒr den Fall eines Catalexit damit, dass die spanische Regierung Zölle auf Produkte erheben wĂŒrde, die aus Katalonien ausgefĂŒhrt wĂŒrden. „Das wĂ€re eine Strafmaßnahme Madrids, die fĂŒr in Katalonien ansĂ€ssige Unternehmen richtig teuer werden könnte. Eventuell wĂŒrden auch andere EU-LĂ€nder hier nachziehen, da Katalonien ja dann nicht mehr Teil der EuropĂ€ischen Union wĂ€re“, sagte Peters dem SPIEGEL.

Laut Walther von Plettenberg von der Deutschen Handelskammer fĂŒr Spanien „erwĂ€gen einige Unternehmen den Aufbau von zusĂ€tzlichen LagerkapazitĂ€ten außerhalb der Region“. Sie hoffen, so die mögliche Zollpflicht zumindest zeitweilig zu umgehen.

Auch die Frage der Steuerpflicht bereitet den Konzernjuristen Kopfzerbrechen. Falls die Zentralregierung und Katalonien keinen Kompromiss finden, könnte die katalanische Regierung von Firmen mit Hauptsitz in Barcelona Körperschaftsteuer fordern – wĂ€hrend die Steuerverwaltung in Madrid ebenfalls auf die Entrichtung der Abgaben an den spanischen Staat pocht.

Knicken die Separatisten noch ein?

Das wollen viele Unternehmen vermeiden – und gehen auf Nummer sicher. Der Energiekonzern Gas Natural verlegt seinen bisherigen Firmensitz aus Barcelona nach Madrid.

Auch der Sekthersteller CordonĂ­u erwĂ€gt offenbar den Abschied. „Wir hoffen, dass wir nicht so weit kommen mĂŒssen, aber im Fall der einseitigen UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung ist der Wechsel des Firmensitzes eine Möglichkeit“, zitiert die Madrider Tageszeitung „El Mundo“ eine ErklĂ€rung des Unternehmens.

Spaniens Regierung will den Firmen einen Umzug erleichtern und hat am Freitag ein Dekret beschlossen, das ein Verlassen Kataloniens erleichtert. Es erlaubt einen Wechsel des Firmensitzes, ohne dafĂŒr eine AktionĂ€rsversammlung einberufen zu mĂŒssen.

In der katalanischen Separatistenregierung hinterlĂ€sst das Spuren. Der fĂŒr Unternehmen zustĂ€ndige „Conseller“ Santi Vila macht sich bereits fĂŒr einen „Waffenstillstand“ zwischen beiden Seiten stark. Es mĂŒsse nun „eine Zeit ohne Aggression“ geben. Vila plĂ€diert fĂŒr eine Aussetzung der UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung und Verhandlungen. Dies sei aber keine „Kapitulation“.