Fahrbericht VW Caddy: Erdgas Tanken nur nach Anmeldung

Nach der Explosion eines Erdgasfahrzeugs liegen die Nerven blank. Viele Tankstellen haben ihre Zapfs├Ąulen geschlossen. Wir waren nun mit dem neuen VW Caddy TGI unterwegs.

Jetzt haben wir den Salat. Jahrelang hat diese Redaktion gebetsm├╝hlenartig wiederholt, dass der monovalente Erdgasantrieb nicht empfehlenswert ist. Monovalent bedeutet: Neben den Erdgastanks gibt es nur einen kleinen Benzinnottank mit 10 bis 13 Liter Inhalt, allein gedacht f├╝r die Startphase und als Reserve f├╝r weitere 100 Kilometer, wenn die n├Ąchste Erdgastankstelle nicht in der N├Ąhe ist. Mit einem monovalenten Antrieb ist man auf Gedeih und Verderb aufs Erdgas angewiesen und kann nicht ins Ausland reisen. Bivalente Fahrzeuge bringen hingegen einen vollwertigen Benzintank mit, n├Âtigenfalls f├Ąhrt man konventionell.

Nach dem R├╝ckruf ├Ąlterer VW-Erdgasfahrzeuge und der Explosion eines VW Touran w├Ąhrend der Erdgasbetankung Mitte September haben viele Tankstellen ihre Erdgaszapfs├Ąulen geschlossen. Nach einigen Tagen wurden nur die VW-Modelle von der Betankung ausgenommen, denn allein Volkswagen hat Probleme mit berstenden Erdgastanks. Leser schilderten ihre Erfahrungen: Man bekommt kein Gas mehr. Mittlerweile hat sich die Situation ein wenig entspannt.

Wir waren mit dem neuen Caddy TGI von Volkswagen unterwegs, der sich seit dem Fr├╝hjahr in drei wichtigen Punkten vom Vorg├Ąngermodell unterscheidet: Es gibt ihn erstmals gegen Aufpreis mit einem Sechsgang-Automatikgetriebe, das Tankvolumen wurde auf spektakul├Ąre 26 Kilogramm Erdgas in vier Flaschen erh├Âht, im Caddy Maxi TGI sogar auf f├╝nf Flaschen mit 37 Kilogramm – und der bislang bivalente Antrieb musste einem monovalenten mit 13-Liter-Tank weichen.

Und nun: Wie kommt man ans Erdgas? Wir fuhren den Caddy TGI Ende September. In der Tat ist die Betankung nicht ganz einfach. Nur 900 der insgesamt 14 500 Tankstellen in Deutschland f├╝hren ├╝berhaupt das Gas, das man nicht mit Autogas verwechseln sollte. In der Regel muss die Erdgaszapfs├Ąule manuell freigeschaltet werden, ÔÇ×bitte melden Sie sich beim StationspersonalÔÇť. Als Fahrer eines neuen Caddy zeigt man den Fahrzeugschein vor und belegt, dass der Wagen von der R├╝ckrufaktion nicht betroffen ist. Wer mit seinem ├Ąlteren Volkswagen dem R├╝ckruf gefolgt ist, erh├Ąlt ein Zertifikat und darf ebenfalls tanken.

Der pr├╝fende Blick auf die Unterlagen und die manuelle Freischaltung der Zapfs├Ąule verl├Ąngern nat├╝rlich den ohnehin aufwendigen Tankvorgang. Die Sperre der Zapfs├Ąule wird dadurch erreicht, dass der Tankvorgang des jeweils letzten Kunden als noch unbezahlt gesetzt wird. Die Software der Zapfs├Ąulen mag das nicht, wer zu fr├╝h die Zapfpistole ansetzt, muss ein zweites Mal an der Kasse anstehen und abermals um Freigabe bitten. Das Ganze ist eine umst├Ąndliche Prozedur. Aber immerhin: Man bekommt Kraftstoff. Wenn die Erdgasversorgung wegbricht, kann man ein monovalentes Fahrzeug nicht mehr sinnvoll betreiben. Der Caddy TGI zeigt im Benzinbetrieb eine Reichweite von etwas mehr als 100 Kilometer.

Die ├ťberraschung ist jedoch seine Reichweite im Erdgasbetrieb. Mit dem ├╝ppigen Volumen von 26 Kilogramm und einem Durchschnittsverbrauch von 5,4 Kilogramm f├╝r 100 Kilometer sind rund 480 Kilometer ohne Nachtanken problemlos zu erreichen. Bei typischen Erdgasfahrzeugen betr├Ągt der Tankinhalt nur 15 Kilogramm, und die maximale Reichweite liegt je nach Verbrauch zwischen 200 und 300 Kilometer. Insofern hat uns ungeachtet der derzeitigen Erdgaskrise das Fahren mit diesem alternativen Antrieb viel Spa├č gemacht.

In erster Linie als Kastenwagen vom Handwerker genutzt

Auch die Motorisierung des von uns gefahrenen TGI mit manuellem Sechsgang-Schaltgetriebe und 110 PS sowie einem Drehmoment von 200 Newtonmeter zwischen 1500 und 3500 Umdrehungen ist sinnvoll und angemessen f├╝r ein Fahrzeug, das vermutlich in erster Linie als Kastenwagen vom Handwerker genutzt wird. Der 1,4-Liter-Motor bietet zwar keinen sportlichen Vortrieb, erlaubt aber immerhin den Standardspurt von 0 auf 100 km/h in 13 Sekunden und eine H├Âchstgeschwindigkeit von 175 km/h. Auf der Autobahn schwimmt man gut im Bereich um 140 km/h mit, dieses Tempo ist hinreichend schnell erreicht.

Der sechste Gang ist ein Pluspunkt f├╝r ruhiges Fahren bei kleinen Drehzahlen. Dass der 1,87 Meter hohe Kastenwagen mit seinen beiden Schiebet├╝ren und der weit ausfahrenden Heckklappe ein Laderaumvolumen bis 3,2 Kubikmeter bietet, macht ihn zum gelungenen Kleintransporter.

Beachten sollte man allerdings, dass das Leergewicht des Erdgas-Caddys mit 1500 Kilogramm um mehr als 200 ├╝ber dem des vergleichbaren Benziners liegt. Die maximale Zuladung bleibt aber mit 760 Kilo gleich. Der Caddy Maxi Kombi mit DSG und noch h├Âherem Leergewicht erlaubt jedoch nur eine Zuladung von 594 Kilogramm. Der g├╝nstigste Preis des Erdgas-Caddy gilt f├╝r die Kastenwagen-Variante, hier kostet der 1,4 TGI mit manuellem Schaltgetriebe 23 370 Euro. Der vergleichbare Benziner ist der 1,4 TSI mit 125 PS f├╝r 20 800 Euro. Den Aufpreis von 2570 Euro holt man wegen der hohen Erdgaspreise kaum herein.