Endlich Frieden: Carlos Ghosn, Chef von Renault und Nissan, beendet einen langen Machtkampf mit dem französischen Staat.

Carlos Ghosn sehnt sich nach Frieden. „Es gibt den entschiedenen Willen, all das hinter uns zu lassen“, sagt Ghosn, der Chef der Autohersteller Renault und Nissan. „All das“, das ist Ghosns unpräzise verschämte Umschreibung für einen monatelangen Machtkampf zwischen ihm und dem französischen Staat, dem Hauptaktionär von Renault. Ghosn ist bekannt dafür, keinem Streit aus dem Weg zu gehen. Am vergangenen Freitagabend aber ist er heilfroh, den offenen Konflikt mit Frankreichs Wirtschaftsminister Emmanuel Macron zu beenden. Und zwar mittels eines „Stabilisierungsvertrages“. Die Vereinbarung soll die schwierige Balance zwischen Frankreich, Renault und dem japanischen Partner Nissan, die zuletzt erheblich gestört war, wiederherstellen. Sie soll die Allianz der beiden Autohersteller festigen, die seit 1999 besteht, und ihre Fortentwicklung sichern.

Emmanuel Macron beherrscht alle Tricks moderner Finanzspekulation

Dem vorweihnachtlichen Friedensschluss war ein spektakulärer Kampf vorangegangen. Auf der einen Seite stand Carlos Ghosn, 61 Jahre, ein in der Autobranche hoch angesehener Mann, einst Retter von Nissan, Mensch gewordener Inbegriff kapitalistischer Globalisierung. Das liegt nicht nur daran, dass Ghosn Franzose libanesisch-brasilianischer Abstammung ist, sondern vor allem daran, dass er gleichzeitig den Pariser Renault-Konzern und Nissan mit Sitz in Yokohama steuert. Ihm gegenüber stand Minister Emmanuel Macron, der Frankreichs Staatskapitalismus zu verteidigen hatte. Wobei Macron zugleich alle Tricks moderner Finanzspekulation beherrscht: Im April, zu Beginn seines Streits mit Ghosn, entsann sich der 37-jährige Star der französischen Regierung seines früheren Berufs als Investmentbanker beim Geldhaus Rothschild. Heimlich, still und leise baute er mithilfe der Deutschen Bank Optionen über 4,7 Prozent der Anteile an Renault auf und verschaffte sich so eine Position der Stärke. Am Ende hatte der erfahrene Manager Ghosn in dem jungen Minister Macron seinen Meister gefunden.

Ghosn hatte im Frühjahr versucht, ein neues französisches Gesetz zu umgehen, das treuen Renault-Aktionären – nicht zuletzt dem Staat – ein doppeltes Stimmengewicht im Konzern verleiht. Allein Nissan profitiert nicht von dem Gesetz: Die Japaner halten zwar 15 Prozent an Renault und stellen einen Großteil der technischen Basis für die Auto-Allianz, haben aber kein Stimmrecht bei den Franzosen. Umgekehrt besitzt Renault 43 Prozent am größeren Partner Nissan und alle damit verbundenen Rechte. Ghosns Versuch, eine noch stärkere Verschiebung der Gewichte zugunsten Frankreichs zu verhindern, endete nun mit mäßigem Erfolg.

Der Stabilisierungsvertrag sieht Regeln vor, die im Wesentlichen die Machtverhältnisse festlegen. Renault sichert zwar zu, sich nicht in die Zusammensetzung des Nissan-Managements einzumischen. Das entspricht einerseits der gegenwärtigen Praxis und ist andererseits ohne viel konkrete Bedeutung, solange Ghosn der Chef beider Konzerne ist. Den Japanern geht es bei dieser Klausel vor allem darum, sich davor zu schützen, dass der französische Staat mithilfe des Renault-Aktienpakets Einfluss auf Nissan nimmt. Dagegen bleibt ihre Kernforderung nach einem Stimmrecht bei Renault unerfüllt. Ein Zugeständnis Macrons ist die Beschränkung des französischen Doppel-Stimmrechts bei Renault in Fragen, die das Wirtschaftsministerium als „weniger strategisch“ definiert. Grundsatzentscheidungen – etwa über Firmenkäufe oder über eine mögliche Fusion mit Nissan – können nur mit dem Segen Frankreichs beschlossen werden. Paris sagt Ghosn und den Japanern zu, das im April heimlich hinzugekaufte Paket von Renault-Aktien wieder abzustoßen. Das hatte Macron ohnehin vor, die Zusatzanteile dienten ihm nur als Instrument des Machtkampfs. Jetzt, da der Kampf beendet ist, bekräftigt Ghosn das Ziel, seine Auto-Allianz unter die drei größten Hersteller der Welt zu führen. Allerdings nur die Allianz, also die Summe zweier Konzerne. An eine wirkliche Verschmelzung von Renault und Nissan, wie sie theoretisch immer wieder durchgespielt wird, ist nach dem heftigen Streit der vergangen Monate nicht zu denken. „Wir sind nicht bereit dafür“, räumt Ghosn ein. Aber wenigstens herrscht wieder Frieden. Ihr Team von autoankauf-de.de