Apple oder Audi :Warum die Autobauer den Takt in der Autoindustrie künftig vorgeben

Wer gestaltet die Zukunft der Autoindustrie? Tech-Firmen oder die traditionellen Autobauer? Eine Frage, die die Branche auch 2017 beschäftigen wird. Vier Thesen von Axel Schmidt, Geschäftsführer für den Bereich Automotive bei Accenture.

Vor ein paar Monaten noch war für so manchen Experten die Sache glasklar. Apple, Google und Uber werden die Mobilität der Zukunft prägen. Die Tech-Riesen bestimmten die Agenda, waren die Könige der Schlagzeilen und schienen die traditionellen Hersteller vor sich herzutreiben.

Mittlerweile hat sich das etwas geändert. Mit dem Kauf des Nokia-Kartendienstes Here durch Audi, BMW und Daimler deutete sich vor gut eineinhalb Jahren sichtbar für die breite Öffentlichkeit an, dass die Unternehmen längst nicht bereit sind, die Straße den US-Konzernen so einfach zu überlassen.

Gerade hat der französische Autokonzern PSA angekündigt, dass die Marken Peugeot und Citroen bei ihren Roboterwagen-Versuchen auf Karten des Dienstes zugreifen werden. Kaum eine Präsentation bei einem der traditionellen Hersteller kommt ohne die Schlagworte Vernetzung, Konnektivität, Mobilität und neue Dienstleistungen aus. Traditionelle Organisationsstrukturen werden aufgebrochen, interdisziplinäre Teams entstehen, der Plattformgedanke gewinnt an Macht. Die Unternehmen wollen agiler, schneller werden. Axel Schmidt, Geschäftsführer für den Bereich Automotive bei Accenture, fasst diese Entwicklung in vier Thesen zusammen, die im kommenden Jahr die Automobilindustrie prägen werden.

These 1: Das Wettrennen zwischen Tech-Firmen und Autoherstellern ist gar keins – und dennoch gehen die Autofirmen jetzt in Führung.

Zwischen Autoherstellern und Tech-Firmen herrscht Co-Opetition statt hartem Wettbewerb und Abgrenzung. Bei komplexen Themen wie autonomem und vernetztem Fahren sind die Autohersteller auf Tech-Firmen angewiesen – und umgekehrt. Branchenübergreifende Kooperationen und Innovationsökosysteme mit mehreren Partnern werden daher zunehmen, um den Quantensprung bei Elektromobilität und selbstfahrenden Autos zu erreichen. In diesem neu entstehenden Partnerökosystemen haben die Autohersteller aber die besseren Karten, weil sie gut im Management von Zuliefernetzwerken und der Integration von Technologie sind sowie ihre Forschungsbudgets und Investitionen konsequent auf die Zukunft der Mobilität ausrichten. Die Autohersteller werden 2017 bei den wichtigen Zukunftsthemen wieder die Führungsrolle von den Tech-Firmen übernehmen, ihre Aufholjagd verläuft erfolgreich.

These 2: Die deutsche Autoindustrie wird beim vernetzten und autonomen Fahren den Ton angeben – vor allem, weil sie schon heute in Sachen Markenpflege, Technologie-Integration und Lieferketten-Management führend ist.

Im kommenden Jahr werden sich gerade die deutschen Hersteller an die Spitze der beschriebenen „Aufholjagd“ setzen. Denn erstens führen sie bereits heute in den meisten der Bereiche, die auch beim Bau und Vertrieb von autonomen und E-Autos maßgeblich bleiben – Markenpflege, Fähigkeit zur Technologie-Integration, Steuerung von Zulieferer-Netzwerken. Zudem haben fast alle großen Hersteller hierzulande, wenn auch spät, sehr zielgerichtet in Zukunftsfelder investiert – und beispielsweise Mobilitätsdienstleistungen entwickelt, E-Auto-Programme gestartet oder Versuchsreihen zum autonomen Fahren begonnen, zumeist mit sehr starken Partnern an ihrer Seite. Hierbei waren die deutschen zumindest gleichauf mit US- und anderen europäischen Herstellern und zugleich schneller als viele Wettbewerber aus dem asiatischen Raum. Das verbessert ihre Chancen im Wettlauf um die Führungsrolle bei der Mobilität von morgen.

These 3: Die Vernetzung von Auto und Umwelt wird der entscheidende Wettbewerbsvorteil im Rennen um die Mobilität von morgen. Das Auto wird zum ‚ersten Ding’ im Internet of Things.

Das Auto wird immer mehr zur Schaltzentrale unseres mobilen Lebens – seine Bedeutung im Alltag nimmt eher zu als ab. Wichtig wird nun die Frage, wem und wie es gelingt, das Auto möglichst nahtlos in den Alltag der Nutzer zu integrieren. Deshalb wird die Vernetzung des Fahrzeugs mit der Umwelt ein großes Thema sein, und zwar in vielerlei Hinsicht: Car-to-X- bzw. Car-to-Car-Kommunikation (Smart City / Smart Traffic), Verknüpfung von Auto und Wohnung bzw. Alltag (Smart-Home-Steuerung / nahtlose Integration von Infotainment- und Digitalen-Butler-Angeboten zwischen Alltag und Auto, Wearables), Integration von Payment-Angeboten (siehe Pilotprojekte von Visa).

These 4: Cybersicherheit rückt für die Autohersteller in den Mittelpunkt bei der Fahrzeugelektronik.


Die Autohersteller sind bei Sicherheitsfragen aufgewacht – Cybersicherheit wird zukünftig viel stärker im Mittelpunkt stehen als heute. Die gesamte Fahrzeugelektronik wird zukünftig auf einer integrierten Sicherheitsarchitektur aufgebaut sein, und nicht andersrum. Bisher wird IT-Sicherheit eher als Add-On gesehen, die auf die fertige Fahrzeugelektronik aufgesetzt wird. Das führt zu lückenhaften Systemen, die sich von Hackern einfach ausnutzen lassen. Der stärkere Fokus auf Cybersicherheit ist nicht nur wichtig, um die Sicherheitsbedenken der Endkunden auszuräumen, sondern auch, um beim autonomen Fahren nicht vom Gesetzgeber ausgebremst zu werden.