Abgasaffäre bei Volkswagen: Abschied von der Großmannssucht

Optimismus in der Krise: Die VW-Spitze verspricht als Konsequenz der Abgasaffäre mehr Transparenz und ruft einen Kulturwandel aus. Die Folgen des Skandals dürften beträchtlich sein, die Krise ist jedoch zugleich eine Chance. Individuelles Fehlverhalten, Schwachstellen in den Prozessen und eine hohe Toleranz, Regelverstöße hinzunehmen – aus Sicht von VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch haben diese Faktoren zum Abgasskandal bei Volkswagen geführt. Am schwersten zu akzeptieren sei die dritte Ursache. Gemeinsam mit Vorstandschef Matthias Müller hatte Pötsch am Vormittag zu einem Pressetermin geladen, um Kunden, Aktionäre und die interessierte Öffentlichkeit in aller Welt über den Stand in der Abgasaffäre zu unterrichten. Ein durchaus heikles Unterfangen, schließlich ging es darum, so offen wie möglich zu informieren, um das eigene Engagement und den Willen zur Besserung unter Beweis zu stellen; und auf der anderen Seite jeden Satz zu vermeiden, der eventuellen Kläger neue Munition für ihre Ansprüche liefern könnte. So blieb es also eher bei Allgemeinplätzen, die die beiden Top-Manager auch noch vom Blatt abblasen. Erst in der Fragerunde tauten beide ein wenig auf, insgesamt blieben sie jedoch etwas steif. Aber es ist ja ohnehin nicht die Zeit für die große Show bei Volkswagen. Zum Sachstand in der Abgasaffäre hatten beide wenig Neues zu berichten. Müller zählte noch einmal die Punkte auf, die in den vergangenen Tagen schon bekannt geworden waren. Technische Lösungen für die Dieselmotoren der Baureihe EA 189, CO2-Problem so gut wie gelöst, Verhandlungen mit den US-Umweltbehörden laufen. Wichtig war Müller dagegen der zweite Schwerpunkt seiner Arbeit: der Umbau des Konzerns, um künftig solche Affären zu verhindern. Das beste Mittel aus seiner Sicht wäre die Überwindung der Hierarchiehörigkeit, die zuvor auch schon Pötsch als zentrale Ursache für die Fehlentwicklungen genannt hatte. Und der Mut, auch einmal etwas zu riskieren, auch wenn es sich anschließend als falsch herausstellt. „Den Mutigen gehört die Zukunft bei Volkswagen“, sagte Müller. „Wir brauchen ein Stück mehr Silicon Valley, gepaart mit der Kompetenz aus Wolfsburg, Ingolstadt, Stuttgart und den anderen Konzernstandorten.“ Der Airbus kommt weg „So ernst die aktuelle Situation auch ist“, fügte er hinzu. „Dieses Unternehmen wird nicht daran zerbrechen.“ VW werde das Top-Management künftig weniger zentralistisch führen. Zur neuen Tonlage gehört auch das Bestreben, künftig etwas weniger großspurig aufzutreten. Die Ausstellungsflächen auf den Messen würden eine Nummer kleiner ausfallen, versprach Müller. Auch die Zahl derjenigen, die regelmäßig um die Welt reisten, um hier oder dort in einem Meeting zu sitzen, werde spürbar reduziert. Aus diesem Grunde brauche man auch den Airbus nicht mehr, der VW gehöre. VW betreibt eine eigene kleine Fluglinie, die über mehrere Maschinen verfügt, darunter ein Airbus A319. Das Unternehmen operiert unter anderem vom Flughafen Braunschweig-Wolfsburg aus und ist unter dem Namen Lion Air Services in George Town auf den Cayman Islands registriert. Doch dezentrale Strukturen sollen nicht bedeuten, dass die Einheiten künftig machen könnten, was sie wollten. Ressortegoismen und das Arbeiten gegeneinander würden nicht mehr geduldet, versicherte Müller. In der Entwicklungsarbeit werde strenger auf die Einhaltung von Regeln geachtet. So werde etwa bei der Software-Entwicklung für Motorsteuergeräte auf das Vier-Augen-Prinzip gesetzt, um Manipulationen zu erschweren. Emissionstests sollen künftig grundsätzlich extern und unabhängig untersucht werden. Kleiner Kreis von Verdächtigen Bei der Suche nach Verantwortlichen für den weltweiten Diesel-Skandal hat die VW-Spitze weiterhin nur einen relativ kleinen Kreis von Verdächtigen im Visier. „Wir halten es für wahrscheinlich, dass nur eine überschaubare Zahl an Mitarbeitern aktiv zu den Manipulationen beigetragen hat“, sagte Pötsch. Inzwischen habe man mehr als 1500 elektronische Datenträger von Beschäftigten eingesammelt, um Hinweise auf den Ursprung der Affäre zu finden. Es seien zudem 87 ausführliche Interviews im Rahmen der Ermittlungen geführt worden. „Viele weitere werden noch folgen“, kündigte Pötsch an. Rund 450 Experten arbeiteten an der Aufklärung der Abgas-Affäre. Ziel sei es, bis zur Hauptversammlung am 21. April 2016 einen vollständigen Überblick über die Ereignisse zu liefern.

Europas größter Autobauer hatte im September zugegeben, in Millionen Dieselmotoren eine Software eingesetzt zu haben, die Daten zum Ausstoß der gesundheitsschädlichen Stickoxid-Abgase schönte. In der Folge stürzte Volkswagen in eine schwere Krise. Für deren Bewältigung bildete der Konzern bisher Rücklagen von 6,7 Milliarden Euro.

„Kein einmaliger Fehler, sondern Fehlerkette“ Es gehe nun vor allem darum, das Vertrauen von Kunden, Investoren, Mitarbeitern und der Öffentlichkeit zurückzugewinnen. Der Ursprung der „Stickoxid-Thematik“ habe inzwischen weitgehend nachvollzogen werden können, sagte Pötsch. „Sie stellt sich nicht als einmaliger Fehler, sondern als Fehlerkette dar, die nicht durchbrochen wurde.“ Ausgangspunkt sei die strategisch groß angelegte Diesel-Offensive von VW im Jahr 2005 gewesen. Der Konzern steckte damals in den USA in einer Absatzkrise und hinkte der Konkurrenz hinterher. Es sei zunächst kein Weg gefunden worden, um die strengeren Stickoxid-Normen in den Vereinigten Staaten im vorgegebenen Zeit- und Kostenrahmen zu erfüllen. So sei es letztlich zum Einbau der manipulativen Software gekommen. „Wir haben keine Erkenntnisse über die Involvierung von Aufsichtsrat oder Vorstand vorliegen“, sagte Pötsch. Autoankauf München